Ernste und heitere Erlebnisse und Gedanken über Kinder, Mütter und Väter

Anlässlich Mutter- und baldigem Vatertag möchte ich Euch heute meine Gedanken schreiben aus meinem eigenen Erfahrungsschatz als Kind, als Mutter und als berufliche Lebensberaterin für Mütter und Väter.

Zum Einen finde ich es sehr schön, wenn es einen Anlass gibt, den Menschen Danke zu sagen, die einem das Leben geschenkt haben. Dabei fängt es aber schon an, dass es nicht selbstverständlich ist. Ich sehe sehr häufig in meiner Praxis erwachsene Kinder, die ungewollt waren… Aber sie dürfen leben und hatten dann häufig das Glück, doch nach der Geburt angenommen und geliebt zu werden. Allerdings nicht immer. Einige durften/mussten zu Pflegeeltern. Fühlte sich das Kind angenommen und geliebt? Wenn ja, von wem?

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Sind wir uns dessen bewusst, wenn wir selbst Eltern sind, wie wichtig es ist, dem Kind das Gefühl zu geben, dass es geliebt wird, wie es ist? Dass wir jederzeit zuverlässig da sind und es trösten,  versorgen, beknuddeln, aber auch konsequent liebevoll Grenzen setzen? Wenn es uns vielleicht mit viel Geschrei oder Kruppanfällen oder Notarzteinsätzen schlaflose Nächte kostet? Die Küche in Brand setzt, mit dem Kopf in den Gitterstäben des Balkons steckenbleibt oder fast an einer Haarspange erstickt, die es aus Versehen verschluckt hat? Ein kleiner Auszug aus den Erlebnissen mit meiner heute 15jährigen Tochter… RTL hätte mit uns eine spannende Dokusoap gefüllt. Notärzte im Ausland gehörten standardmäßig zum Urlaub dazu. Noch nicht erwähnt, die schwere Neurodermitis von ihr als Kleinkind, die ich irgendwann, nach schulmedizinischem Cortisonfrust und schulterzuckenden Heilpraktikern und Studium vieler Alternativliteratur, ohne „Fachleute“ bei ihr weg bekam.

Als sich bei meiner jüngeren Tochter die Allergien herausstellten, war ich schon erfahrener, drum konnte ich hier schneller die passenden Alternativlösungen zu vorgeschlagenen (eigentlich nur für Erwachsene zugelassenen) starken Cortisonpräparaten finden.

Grundsätzlich bin ich dankbar für diese Kinder- Geschenke. Dankbar bin ich auch für die Lebensverhältnisse, die ich meinen Kindern ermöglichen kann. Und dass ich, trotz teilweise sehr heftiger Pubertätskonflikte, stolz auf ihre Entwicklung sein kann. Welche Resilienz und Sozialkompetenz sie sich erwerben. Wie bescheiden sie sind und verzichten können und wie sie zu schätzen wissen, was sie haben. Wie sie mit anderen Menschen mitfühlen. Wie sie mir immer wieder ihre Liebe und Dankbarkeit zeigen. Was gibt es Schöneres?

20170514_155215Ich bin dankbar, was meine Eltern mir nach ihren Möglichkeiten ermöglicht haben, dass ich sie noch haben darf und wie sie ihr Alter meistern. Ich bin ein “ Papakind“. Er war viel unterwegs, aber er hat mir Knuddeleinheiten und Verständnis gegeben, die ich als Kind brauchte. Er hat mir seinen Humor, Kreativität, (seelsorgerisches) Talent zum Umgang mit Menschen in schwierigen Lebenslagen 😉 und als Seminarleiter vererbt. Mit ihm als ehemaligem Domchorknaben konnte ich stundenlang die Comedian Harmonists aus vollster Kehle singen oder Walzer im Wohnzimmer tanzen. Am schönsten war es, mit dem Trabbi über löchrige Strassen ins Grüne zu fahren und „Wochenend und Sonnenschein“ zu singen. Oder bei Bekannten, die einen Fernseher besassen, über Loriot und Louis de Funes zu lachen. Loriots Sketche nahmen wir gemeinsam mit einem alten Tonband auf. Meine Kindergeburtstage waren wegen Papas Zauberkunststücken und artistischen Einlagen begehrt. Geärgert habe ich mich über ihn für das ständige rausschmeißen bei „Mensch ärgere Dich nicht“. Ich hatte gegen ihn keine Chance. Grundsätzlich bin ich so dankbar für diese Erfahrungen, sie sind so wertvoll für eine Kinderseele. Von beiden Eltern habe ich wohl auch Resilienz und Musikalität geerbt. Meine Mutter war sehr fleissig und organisierte immer tolle Wochenend-/Campingausflüge ins Grüne, lud sehr viel Besuch und meine (Halb-)Schwestern sowie deren Halbschwester ein. Wir Schwestern besuchten mit meinen Eltern alle Berliner Museen und Konzerte und verdrehten die Augen über soviel Kultur :-)… Meine Mutter  war ausgesprochen gastfreundlich. Sie erzog mich früh zur Selbständigkeit. Meine Mutter erlitt viele Verluste und Schicksalsschläge, war viel krank. Meine Mutter hat sich viele Sorgen um mich gemacht, da ich auch einiges Talent hatte, ihr „außergewöhnliche“ Erfahrungen zu bescheren. Die harmloseste war das Ende unserer Schulabschlussfeier in unserer Berliner Wohnung, bei der ich mit den (angetrunkenen) Jungs als einziges Mädchen nachts durch die dunkeln Hinterhöfe Berlins zog und wir kurz vor meiner Haustür von einer Clique überfallen wurden. Ich vergesse nie (und sie wohl auch nicht), wie unsere ganze Wohnung… Fussböden, Betten, Couchen mit verletzten Jungs voll lagen, bis Polizei und Notarzt eintrafen. Dezenterweise wurde ich als Einzige verschont und konnte Hilfe holen :-). Ich danke Gott und meinem Schutzengel. Der erhält irgendwann mal eine Prämie, er hat wirklich schon deutlich mehr als bei anderen Menschen leisten müssen und mir sind schon ganz viele Leben geschenkt worden. 😉 Dafür bin ich auch immer wieder dankbar. Ich hab mir Resilienz erwerben müssen und brenne heute dafür, andere vom Leben gestresste und gebeutelte Menschen in ihren besonderen Lebenssituationen Mut zu machen, durchzuhalten, sie in einen neuen Lebensabschnitt mit mehr Resilienz und neuer Lebensqualität zu begleiten. Es gibt für mich nichts Schöneres als diese strahlenden Augen und Dank beim Abschied und ab und zu Bewertungen auf jameda.

Welchen Einfluss haben wir auf (unsere) Kinder?

Wir legen die Basis in unsere Kinder. Genetisch, Werte, Gedanken, Überzeugungen. Dessen sollten wir uns bewusst sein. Welchen Nährboden bereiten wir? Das Kind bildet aufgrund seiner Erfahrungen und Veranlagungen seine Persönlichkeit aus und nun ist die Frage, wie es mit den äußeren Einflüssen umgeht. Wir können nicht alles beeinflussen. Dem Kind nicht alles ersparen und abnehmen. Unser Einfluss wird immer begrenzter gegenüber Medienkonsum und Freundeskreis. Auch auf die Gesundheit des Kindes haben wir verschieden stark Einfluss. Und v.a. sollten wir uns immer wieder bewusst sein, dass unsere Kinder mehr von Beobachtungen unseres Verhaltens, als von unserer Erziehung lernen…

Ein Kind, das laufen lernt, fällt immer wieder hin und steht unverdrossen wieder auf und versucht von Neuem , laufen zu lernen. Das Kind glaubt an sich, es zweifelt nicht daran, dass es das schaffen wird. Das Kind lebt anfangs ein emotionales Leben.

20170514_155140Dann entwickelt es mit zunehmendem Alter sein Ich-Bewusstein, kommen seine Erfahrungen, die Wertungen aus der Umwelt, die es  prägen (und ihm sein gesundes Selbstvertrauen beschneiden können). Je öfter nun das heranwachsende Kind oder der Jugendliche im Leben „stolpert“ und wieder aufstehen muss, umso mehr könnte er anfangen, an sich zu (ver-)zweifeln. Resilientere Menschen glauben weiter an sich, entwickeln gesunden Selbstwert und Selbstliebe. Weniger Resiliente nicht… Gerade auch bei den Klienten in meiner Praxis zwischen 20 – 30 Jahren beobachte ich eine zunehmende Unsicherheit und mangelndes Selbstwertgefühl. Aber das Gute ist: durch die Neuroplastizität können es ALLE entwickeln.

Die Auswirkungen von wenig Resilienz und Erziehungsschwächen

Die eigene Persönlichkeit UND ein Umfeld mit einer stabilen vertrauensvollen Bezugsperson spielen eine riesige Rolle. Ich habe Klientinnen, die locker bei GNTM mitmachen könnten. Allerdings nur vom Äußeren. Im Inneren haben sie  ein schlechtes Selbstwertgefühl… Und zu wenig Selbstvertrauen. Ängste, Unsicherheiten… Diese Klientinnen kommen manchmal aus schwierigen Elternhäusern, die ihnen eine gesunde Entwicklung unmöglich machten. Die zu wenig Kind sein durften, zu wenig geliebt und wertgeschätzt wurden. Sich schuldig fühlten. Aber nicht immer. Ich bestätige die Annahme von Neurologin Croos-Müller, dass u.a. auch zuviel Wohlstand und zuviel äußere Sicherheit eine gute Resilienzentwicklung bei Kindern verhindern können. Ich sehe immer mal Klienten, die so behütet wurden, dass sie mit den kleinsten normalen Konfliktsituationen in einer Partnerschaft oder schulischem oder beruflichem Leistungsdruck überhaupt nicht umgehen können. Veit Lindau spricht auch von Luxusproblemen in der heutigen Zeit. Die amerikanische Familientherapeutin Mogel schildert selbstunsichere und ängstliche kids und teens, die durch ständige Intervention und gutgemeinte Hilfe ihrer Eltern nicht gelernt haben, selbst Probleme zu lösen, aus Fehlern zu lernen, Enttäuschungen zu verkraften.

Ich sehe immer mehr Erziehungsunsicherheiten, die bewirken, dass den Kindern zu wenig Grenzen gesetzt und zu viele Wünsche erfüllt werden, wo teilweise im wahrsten Sinne des Wortes kleine Tyrannen heranwachsen, wo Kindergarten-Kinder mit den Eltern auf einer Stufe stehen, ihren Kopf durchsetzen, sich die Eltern für alle Entscheidungen vor ihren Kindern rechtfertigen müssen…

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Meine Wünsche für Eltern und Kinder

Ich wünsche allen Eltern, dass sie liebevolle, gesunde Grenzen setzende Eltern sein können und allen Kindern, solche Eltern haben zu dürfen. Lassen wir den Kindern Freiheiten, sie selbst zu sein, Erfahrungen sammeln. Aber mit dem nötigen Schutzraum. Ich weiss, wie mir auch manchmal das Herz blutet, durch was meine Kinder hindurch müssen. Aber ich weiss nicht, was das Leben noch bereithält für sie, wie sie sich noch bewähren müssen. Wann sollen sie es lernen, wenn nicht jetzt? Wir wachsen alle an unseren Aufgaben. Und wir sollten uns von dem Druck befreien, Super-Mama oder Super-Papa sein zu müssen. Unsere Kinder müssen keine nie rebellierenden Super-Kinder sein, auch wenn es für uns als Eltern deutlich bequemer wäre. Oder wollen wir sie zu überangepassten Menschen erziehen, die sich nicht trauen, eine eigene Meinung zu äußern oder auch mal gegen den Strom zu schwimmen, sich gegen Gruppendruck abgrenzen zu können?

Machen wir es wie Astrid Lindgren sagt:

„Man kann in Kinder nichts hineinprügeln, aber vieles herausstreicheln.“

Liebevoller Umgang und Streicheleinheiten und positives Feedback (neben notwendiger erzieherischer Kritik) erzeugen positive Gefühle, wirken für unsere Kinder physisch und psychisch stabilisierend und heilend. Geben wir unseren Eltern und Kindern Liebe, so wie sie sind.   Und machen wir die Welt dadurch ein bisschen wärmer.

Keine Eltern, keine Kinder?

Und was ist mit den Kinderlosen? Wieviele Erwachsene haben heute vielleicht Kummer, weil sich ihr Kinderwunsch (noch?) nicht erfüllt hat? Wieviele könnten tolle Eltern für einsame traurige Kinder(heim)herzen sein, wenn die Hürden zur Adoption nicht so furchtbar bürokratisch hoch wären? Und auch wenn es nicht sein soll, dann können sie trotzdem etwas Gutes tun, es gibt so viele Möglichkeiten, heute zwischenmenschlich Gutes zu tun. Sie werden viel zu selten genutzt…

Und die, die nie in den Genuss von Eltern oder Großelternliebe kommen durften, ihre leiblichen Eltern nie kennenlernen konnten oder früh verloren, denen sende ich heute einmal ein ganz besonderes Licht der Wärme und Zuwendung, Ihr seid nicht vergessen. Ich wünsche Euch von Herzen, dass Euren Lebensweg viele Menschen säumen, denen ihr wichtig seid, die Euch Nächstenliebe zuteil werden lassen und dass Ihr selbst Euch wertschätzt und vielleicht auch etwas an Andere weitergeben könnt.

Alles Liebe für Alle.

Namaste

Judith Becherle

Bilderquelle: privat

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